Der Engel

Max war wie jeden Nachmittag um die selbe Zeit auf dem Weg zum Bahnhof.
Der Himmel war grau und zugezogen und etwas, das mehr Matsch als Schnee war, rieselte auf ihn herab, schmolz sofort beim Kontakt mit seiner Kleidung und hatte dafür gesorgt, dass ihm die Jeans mittlerweile eisig an den Oberschenkeln klebte.
Sein Kopf schmerzte von all den chemischen und mathematischen Formeln, die er lernen sollte, aber nicht wollte, und seiner missglückten „Monologue Minute“ in Französisch diesen Morgen.
Wie er Französisch hasste. Besonders bei dem Lehrer. Eigentlich ging ihm die ganze Schule gehörig gegen den Strich. Er hatte es satt, sich ständig irgendwelche Sachen ins Kurzzeitgedächtnis zu zwängen, die ihn größtenteils nicht interessierten, und oftmals nur der Selektion zu dienen schienen.
Dennoch stand er jeden Morgen wieder um diese grausame Uhrzeit auf, um wieder in den Zug zu steigen, sich wieder in der Lernanstalt mit seinem Nichtwissen zu blamieren, sich wieder neu überfordern zu lassen und schließlich unzufrieden, beschämt und ermattet wieder zurück nach Hause zu fahren.
Er stolperte fast über eine der Treppenstufen, als er aufs Gleis ging.
Die Leute drehten sich um und kicherten, Max wurde rot.
Heute lief aber auch alles schief. Noch schiefer, als sonst.
Da, schon wieder: Der verdammte Zug hatte noch mehr Verspätung als üblich.
„Zum Glück ist es nicht ekelhaft kalt, sonst wär das alles ja so richtig beschissen“, hockte sich der Junge auf die stählerne Bank und rieb sich die Hände.
„Monologue Minute, wer zum Teufel hat den Müll erfunden?!“
Er versuchte, das unangenehme Gefühl der Blamage durch Wut zu vertreiben, doch es funktionierte nicht.
„Psychoterror. Ich hätte mir gleich eine Sechs eintragen lassen und überhaupt nichts sagen sollen. Kein einziges, bescheuertes französisches Wort.“
Eine Sechs war seiner Meinung nach besser als eine Fünf in Verbindung mit Klassenkameraden, die ihn nun mit seinen Aussprache- und Satzbaufehlern aufzogen. Wenn ihnen sein übergroßer Pigmentfleck auf der Wange zu langweilig geworden war.
Überhaupt machte ihm das Leben keinen Spaß. Er fühlte sich fehl am Platz. Da musste doch mehr sein. Mehr, als sich zu profilieren fürs Berufsleben, das angeblich noch schlimmer war, als der Schulalltag.
Hobbys? Die Freude die er dabei verspürte, konnte sein Unbehagen aufgrund all der anderen Dinge nicht aufwiegen.
Familie... da waren seine Geschwister viel spannender als er.
Trotzdem wollte er jetzt nur noch nach Hause.
Die Durchsage, die er auswendig kannte, ertönte und der Zug fuhr endlich ein.
Gedankenverloren erhob sich Max wieder, ließ zuerst die angekommenen Fahrgäste aussteigen, um sich dann einen Platz zu suchen.
Irgendwo in der Mitte des leer gewordenen Abteils nahm er Platz, als sich seine ermüdeten Augen plötzlich weiteten.
Dieser Vierersitz hatte einem Mädchen gehört. Er hatte sie nicht gesehen hinter der Lehne, denn sie war etwas kleiner als der Durchschnitt.
Und sehr hübsch.
Er spürte, wie ihm auf der Stelle furchtbar heiß wurde.
Das ganze Abteil war frei gewesen, bis auf diesen Platz. Sie hielt es hundertprozentig für eine Anmache, dass er sich neben sie gesetzt hatte. Ungefragt.
Er wäre nie auf die Idee gekommen, sie anzubaggern. Zumindest hätte er sich niemals getraut. Sie war viel zu schön.
Max' Herz schlug hart gegen seinen Brustkorb. Er musste knallrot sein im Gesicht - diese Gewissheit machte ihn nur noch verlegener.
Das Mädchen mit den kinnlangen, glänzenden Locken lächelte.
„Sie macht sich lustig über dich“, war Max sich sicher. Er sah keine zwei Sekunden in ihre hellgrünen Augen und starrte stattdessen das korrekturstiftrote „Steigen Sie ein - Aber bitte nur mit Fahrkarte!“ - Schild an.
Der Schaffner pfiff, die Türen fielen zu und der Zug fuhr an.
Sich wieder wegzusetzen kam nicht in Frage - unfreundlich. Und sehr seltsam wäre so ein sprunghaftes Verhalten auch erschienen.
Er hatte dieses Mädchen - aus seiner Sicht war sie eine Frau - schön öfter registriert gehabt, aber nie lange betrachtet. Es war, als gehöre sie einer ganz anderen Klasse an als er, sie war klasse und er war - er.
Max fühlte sich, als würde sie ihn ununterbrochen mustern, kritisch, amüsiert. Es waren drei Haltestellen bis nach Hause, und noch nie hatte es bis zur Ersten so lange gedauert wie an diesem Tag.
Er biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, um nicht vor lauter Nervosität albern herumzuzappeln.
Der Schaffner betrat das Abteil und fragte nach den Tickets.
Max sah auf und warf einen sehr flüchtigen Blick auf das Mädchen, welches nun in seine Tasche griff, zeitgleich öffnete er seinen Rucksack.
Während der Bahnangestellte den Fahrschein des Mädchens absegnete, wühlte Max immer noch seinen Sachen herum. Und immer panischer. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!
„Ok, ok, das kann gar nicht sein“, redete er sich ein, doch seine Gedanken klangen wenig überzeugt, „das Scheißding muss hier irgendwo sein!!“
Nun hämmerte sein Herz noch wilder als zuvor und seine Finger durchwühlten kalt, feucht und planlos seine Tasche.
Das Mädchen und der Schaffner sahen ihn erwartungsvoll an und selbst wenn er seine Fahrkarte dabei gehabt hätte, hätte er sie aufgrund dessen nun erst recht nicht gefunden.
„Hab sie vergessen“, schluckte der Junge und wünschte, ein großes, schwarzes Loch würde sich ihm erbarmen, sich auftun, um ihn zu verschlingen.
Doch die kleinen, irgendwann einmal mit Zigarrettenkippen eingebrannten Löchlein in der Rückenstütze des Mädchens blieben exakt wie sie waren, und der Schaffner hakte schroff nach: „Was meinst du?!“
„Ich hab sie vergessen, die Fahrkarte.“
Max' Stimme war nicht sehr viel deutlicher als beim ersten Versuch.
„So, vergessen?“, spottete der Schaffner, „wenn dein Kopf nicht angewachsen wäre...!“
„Jaa...“, jammerte der Junge leise.
„Tja, dann müssen deine Eltern jetzt wohl 40€ zahlen.“
Was für ein tolles Weihnachtsgeschenk. Sie würden sicher stinksauer auf ihn sein.
„Na, Sie erwarten ja ziemlich viel Genauigkeit von Ihren Fahrgästen... dafür, dass die Züge immer zu spät kommen, oder einfach mal ausfallen, oder mal für eine halbe Stunde in irgendeinem Kaff stehen bleiben...“, äußerte sich nun das hübsche, blonde Mädchen mit aufsässig funkelnden Augen.
Max war völlig verblüfft.
Der Schaffner entgegnete, er habe die Regeln nicht gemacht.
„Du hast doch ein Schülerabo, oder?“, fragte das Mädchen Max.
„Monatskarte... eigentlich.“
„Also, Sie sehen doch, dass er Schüler ist. Glauben Sie etwa, dass er schon seit Anfang des Monats schwarz fährt?! Also ich nicht!“
Der Mann grummelte, knurrte und meinte dann: „Nargh, meinetwegen. Heute haste nochmal Glück gehabt. Aber morgen hast du deine Karte dabei, sonst zahlst du, Bursch!“
„Ja“, seufzte der Junge völlig erleichtert und der unfreundliche Bahnangestellte verzog sich ins nächste Abteil.
„Danke!“ Max fühlte sich so befreit, dass er seine Retterin anlächelte und erstmals etwas länger anschaute.
Sie verteidigte einen Fremden. Einfach so. Er konnte sich nicht einmal überwinden, für sich selbst Partei zu ergreifen. Wie machte sie das bloß? Warum war er nur nicht in der Lage dazu?
Sie schmunzelte über den Schaffner: „Morgen ist Samstag. Da kriegt er dich gar nicht zu sehen. Oder?“
„Nein“, gab er ihr Recht, „und außerdem, morgen wär' wahrscheinlich eh ein anderer Schaffner dran...“
„Eben“, schüttelte das Mädchen den Kopf.
„Ich hab echt keine Ahnung, wo ich die Fahrkarte verloren hab!“, schwor Max, obwohl er ganz stark seine netten Klassenkameraden im Verdacht hatte.
Der Zug bremste ab, erreichte den nächsten Bahnhof.
„Findest du schon wieder“, lächelte das blonde Mädchen ein letztes Mal, bevor sie aufstand, „mach's gut!“
„Du auch!“
Er sah ihr noch nach, bis sie in der Dunkelheit verschwand.
Und nichts bekümmerte ihn mehr in diesem Moment.
Er freute sich einfach nur auf die nächste Woche - darauf, seinen Engel wieder zu sehen

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1 Kommentar

  • #1

    Jessi F. (Mittwoch, 10 März 2010 12:03)

    Schöne Geschichte!

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