Mein Beitrag zur streng limitierten und leider bereits vergriffenen Jubiläumsanthologie vom Verlag dein-lieblingsbuch, erschienen Mai 2011
Manchmal kann ich nicht verstehen, warum nicht jeder Mensch auf dieser Erde ein Schriftsteller ist. Haben die anderen es nie versucht? Wie kann man von Buchstaben nicht zu kreativen Versuchen angestiftet werden? Nehmen sie sich nicht die Zeit? Vielleicht sind sie stattdessen Zeichner oder Musiker. Doch nichts hat für mich je so gut funktioniert wie das Schreiben, wenn ich etwas aus meinem Kopf möglichst perfekt abgebildet in meine Hände legen wollte.
Ein Leben ohne das Schreiben kann ich mir nicht mehr vorstellen. Schreiben ist so vieles. Alles. Schreiben ist mehr als ein Hobby. Nicht nur eine Möglichkeit, Zeit in Spaß umzutauschen. Und mehr als ein Beruf. Nicht nur etwas, mit dem man Geld verdient. Es ist mein Leben. Ich bin Schreiben. Natürlich bin ich auch noch mehr, aber Schreiben ist, was ich am meisten an mir liebe. Schreiben gibt mir das gute Gefühl, einen Unterschied zu machen. Meinen Fingerabdruck in der Welt zu hinterlassen. Und etwas dagelassen zu haben, wenn ich gehe. Jemand Fremdes eine Freude machen zu können, indem ich ihn beim Lesen gut unterhalte. Ihn zu berühren und zu fesseln. Ich kann die Bilder in meinem Kopf mit anderen teilen. Meine Träume und Ansichten. Ich kann Erlebnisse archivieren und jederzeit wieder erleben. Ich kann alles erleben, was ich möchte. Schreiben ist Freiheit. Schreiben verbindet mein Innenleben mit dem Außen, bringt Fantasie und Realität einander näher. Schreiben ist Liebe. Die Liebe zu einer Tätigkeit. Eine wunderbare Beziehung mit der Inspiration.
Die Inspiration kann manchmal schwierig sein. Sie überschüttet einen mit Ideen, wenn man sie gerade nicht schriftlich festhalten kann, oder lässt einen im Dunkeln tippen, wenn man händeringend nach dem richtigen Geistesblitz sucht. Bei machen ihrer Vorschläge habe ich den Eindruck, sie wendet sich damit an den völlig falschen Autor. Die meiste Zeit verstehen wir uns aber ganz gut. Ich habe gelernt, dass man die Inspiration nicht erzwingen kann, aber einladen muss. Man darf sich nicht beleidigt verschließen, wenn sie einen mal enttäuscht hat. Stattdessen muss man sich irgendwie überwinden, sich wieder zu öffnen, sich wieder an die Datei zu machen (zum Beispiel indem man sich selbst mit Süßigkeiten ködert) und sich in die grobe Idee erneut hineinzudenken.
Irgendwie mag die Inspiration es gerne, wenn ich im Bett liege. Dann versorgt sie mich mit ganzen Handlungssträngen, auch mal mitten in der Nacht. Da hilft es, immer einen Zettel oder ein Notizbüchlein mit Stift neben sich liegen zu haben. Manchmal ist die Inspiration sogar so überzeugend gut, dass ich extra für sie nochmal aufstehe und den Laptop wieder anschmeiße. Wenn ich vorm PC sitze, das passt ihr auch prima. Allein im Café, in der hintersten Ecke, ist ok. Aber ohne Laptop, das erregt zu viel Aufsehen. Mit Zettel und Stift auf den Steinen am Wasser sitzend (den geliebten Laptop nicht Wasserschaden-gefährden wollen) leistet sie mir auch gern Gesellschaft, doch zum Schwimmen vorbeikommende Hunde (zwangsläufig mit ihren Herrchen) irritieren sie genauso wie auch mich.
Ich glaube, die Inspiration mag keine fremden Menschen. Sie wartet immer, bis ich alleine bin, oder zumindest geistig total abgeschottet. Vielleicht mag auch einfach ich beim Schreiben keine Leute, dir mir über die Schulter schauen. Wir mögen es wohl beide nicht, unser unfertiges Projekt zu früh herumzuzeigen. Vielleicht gibt es auch gar kein „zu früh“? Dann ist das eine gemeinsame Macke von uns.
Wie sie aussieht, die Inspiration? Ganz unterschiedlich und doch ist sie unsichtbar. So wie ein Kuss köstlich schmecken kann und immer wieder anders und doch nach gar nichts. Sie ist Gedanken und Gefühle und ich versuche, sie mit Worten abzubilden und einzufangen. Sie ist die Unendlichkeit, meine Werke sind klitzekleine Bruchstücke der unvorstellbaren Weite. Der Text gibt einen zarten Hint auf die dahinter liegende Welt.
Das mit der Inspiration, dem Schreiben und mir hat sich schleichend angebahnt. Angefangen hat es in meiner Kindheit, mit der Faszination für Buchstaben, für das Festhalten eines Wortes oder eines Gedankens, die Möglichkeit, etwas niederzuschreiben und so mit Fremden zu teilen. Das Schreiben gab mir oft mehr Sicherheit als das Sprechen. Ein geschriebenes Wort ist immer überlegt. Man hört Nervosität nur heraus, wenn es so gewollt ist – sofern man die Schriftsprache beherrscht. Ein geschriebenes Wort wird weniger missverstanden. Und Tinte auf Papier wird nicht so leicht vergessen wie Klänge im Ohr.
Ab Ende Zwölf diente mir das Schreiben als bester Freund und besseres Gedächtnis. Ich war unglaublich verschossen. Schrieb Tagebuch und zelebrierte damit dieses Gefühl. Hielt jedes winzige - für mich große - Erlebnis fest. Teilte meine Gedanken mit einer wirklich vertrauensvollen, verschwiegenen Person, einem absperrbaren Buch. Sehe ich heute diese Seiten an, muss ich lächeln, wenn sie mich tatsächlich an die süßesten Details erinnern, die mein Kopf verschlampert hat. Das Gefühl der Liebe ist tatsächlich eingefangen in diesen Zeilen. Mein jüngeres Ich lebt darin. Schreiben macht Zeitreisen möglich.
Es ermöglicht alles. Kreativ zu schreiben bedeutet, man kann alles erleben, was man nur möchte, was man sich nur vorstellen kann. Schreibt man eine Szene, so befindet man sich darin. Man achtet auf jedes Detail, erschafft die kleinsten Kleinigkeiten, was diese Fantasiereise überwältigend real macht. Beim Schreiben erlebe ich die aufregendsten Abenteuer, die liebevollste Beziehung, den besten Sex. Und zum Schluss habe ich etwas Reales aus der Welt der Fantasie mitgebracht: einen Text. Schreiben ist wie Tagträumen, bei dem etwas herauskommt. Ein Text ist eine Tür zu diesem Traum oder die Fotografie einer Facette, beides.
Wenn ich ein Buch lese, oder einen Film ansehe, weiß ich, ich bekomme immer nur einen kleinen Einblick in die dahinter liegende Welt, und gefällt mir dieser, so bin ich verführt, mehr zu erforschen. Ergänzungen, Fortsetzungen tauchen auf, noch bevor ich danach gefragt habe. Mit 16 Jahren entdeckte ich noch eine weitere Möglichkeit, die das Schreiben eröffnet: Ich kann die Ausschmückung zu meiner Lieblingsgeschichte jetzt schon sehen, oder überhaupt sehen, indem ich sie selbst schreibe. So landete ich im Fanfiktion-Sektor. Die bereits bekannten Universen und Figuren weiter auszugestalten, entpuppte sich als perfekte Schreibausbildung für mich.
Mit 18 war ich dann auch soweit, ganz eigene Werke, ohne bereits bekannte fiktive Vorlage, geschrieben zu haben. Meine eigenen Gedichte, Kurzgeschichten und sogar eine Datei, die ein Buch füllen konnte, hatte ich geschaffen. Längst fühlte ich mich als Autor. Und was war ein Autor ohne Buch?! Ich wollte veröffentlichen. Doch das bedeutete das Ende der heimlichen Liebe: ein Outing. „Ich schreibe“, wollte ich allen sagen und zeigen – und andererseits nicht. „Wenn du sagst, du schreibst, sagst du damit doch nicht automatisch, dass du größenwahnsinnig bist.“ Mit diesem oder einem ähnlichen Satz beruhigte mich meine ehemalige Deutschlehrerin, der ich nach dem Abitur mein erstes Manuskript und ein paar Gedichte hatte zukommen lassen. „Größenwahnsinnig“, „eingebildet“ oder „schlicht und einfach schlecht“, das befürchtete ich, mit der Offenbarung meiner Texte in die Köpfe anderer zu pflanzen. Doch ich wusste auch zum ersten Mal in meinem Leben felsenfest, was ich werden wollte: Autorin. Trotzdem konnte ich mich nie dazu durchringen, das zu erwähnen, fragte jemand, was ich mit meinem restlichen Leben anfangen wollte. Es klang einfach zu realitätsfern, glaubte ich, als wäre ich noch wie eine Zwölfjährige, die Popstar werden wollte. Heute bin ich froh, dass ich das Träumen nie verlernt hatte. Denn Träume können sehr wohl wahr werden. Gerade durch das Schreiben. Dann manifestiert sich vor meinen Augen jeder beliebige Gedanke. Das Schreiben ist ein Traumberuf – in vielerlei Hinsicht. Etwas, für das es sich zu kämpfen lohnt. Die ersten Texte zu verbreiten, ist ein Kampf mit sich selbst. Es geht nicht nur darum, ein paar Worte aus der Schublade zu befreien. Es geht viel allgemeiner um das Problem, die eigene Persönlichkeit zu präsentieren. Ich bin ja Schreiben. Den großen Schritt der ersten Veröffentlichung kann man zerlegen, in kleine Schritte, indem man zuerst unter Pseudonym und nur online publiziert, und sich dann bei ermutigendem Feedback weiter ins Rampenlicht wagt. Man fühlt sich beim Veröffentlichen auf eine gewisse Weise nackt. Muss erst annehmen, dass man auch nackt gut aussieht. Sogar noch besser als bekleidet. Man ahnt es, aber um es zu wissen, muss man sich erst entblößen vor der Welt, welche man schon oft als kalt und viel zu streng erfahren hat. Doch hat man auch Grund zur Vorsicht vor ihr, möchte man sie nicht länger um das sorgfältig geschnürte Geschenk an sie betrügen. Mit den ersten Veröffentlichungen lernte ich endlich, zu mir selbst zu stehen und mich nicht länger hinter einer gespielten, langweiligen Normalität zu verstecken. Nichts bringt einen weiter, als eine Angst zu überwinden. Ich nahm an Wettbewerben teil, gewann, wurde gedruckt. Und erzählte es mit klopfendem Herzen dezent herum. Die Reaktionen auf meine „neue“ Freizeitbeschäftigung waren sehr verschieden. Manche waren erstaunt, dass ich ja tatsächlich etwas Besseres zu tun gehabt hatte, wenn ich Stubenhocker nicht bei ihren Trinkspielen mitgemacht hatte. Waren verwundert, dass ich vorm PC nicht nur Zeit verblödelte. Die Theorie von der faulen Gaby fiel in sich zusammen. Denken ist auch eine Tätigkeit – Ideenentwicklung. „Schreiben magst du mehr als mich“, bekam ich dann öfters zu hören – bei einigen stimmte es inzwischen auch. Bei den anderen mochte ich Schreiben genauso sehr wie sie. Manche waren leicht beleidigt, dass ich nie etwas von meinem seltenen Hobby erzählt hatte. „Ich kannte all die Zeit nur die Hälfte von dir“, meinte eine Freundin, als sie herausgefunden hatte, dass ich schreibe. Die meisten meiner Freunde und Bekannten reagierten aber positiv auf diese für sie neue Facette von mir. Und natürlich hatte ich durch das Schreiben und Veröffentlichen auch neue Freundschaften geknüpft. Eine meiner besten Freundinnen lernte ich dadurch kennen, dass sie einer meiner ersten Leserinnen war. Wir schrieben sogar einmal eine Geschichte mit stolzen 27170 Wörtern zusammen – nur so zum Spaß für uns und das world wide web.
Im Dezember 2010 erschien mein Roman „Die weitere Welt“ in gedruckter Form, das Größte, ganz Eigene, was ich je geschrieben hatte - wobei ich einen kompakten Stil, eine verdichtete Sprache verwende, wie ich immer wieder höre. Ein Buch geschrieben und veröffentlicht zu haben, bedeutet, sich komplett zu fühlen. Vielleicht war das meine größte Motivation.
Es ist bei jedem neuem Text immer noch aufregend zu sehen, wie andere Menschen auf mein Geschriebenes reagieren. Wie Verliebtheit, wenn man den faszinierenden Geliebten jedem vorstellen möchte. Andererseits hofft man auch, die eigene brennende Begeisterung wird erwidert. Die ersten positiven Kritiken sind wie explodierende Schmetterlinge im Bauch.
Denn wann darf man sich selbst als „richtigen“ Autor sehen? Wenn man in einem renommierten Verlag veröffentlicht hat? Wenn die Verkaufszahlen passen? Wenn man einen Preis verliehen bekam? Nein. Alles nur Nebenwirkungen. Wenn man schon einmal jemanden mit einem Text berühren, begeistern konnte, das macht einen zum „richtigen“ Autor.
Natürlich bekomme ich auch negative Kritik. Geschmäcker sind verschieden, Schreibstile so unterschiedlich wie Musikrichtungen. Ich bin offen für negative Kritik, aber es gibt leider wenig gute schlechte Kritik. Hin und wieder wird man mit einem plumpen Satz erschlagen und muss sich nach der davongetragenen Beule erstmal dazu durchringen, nach dem eigentlich im Wurfgeschoss versteckten Verbesserungsvorschlag zu suchen. Manchmal enthalten solch schwere Pakete auch einfach nur Neid und dessen Verwandte. Es ist mir peinlich, ist auf einer von 32 Buchseiten immer noch ein Trennungsfehler oder eine falsche Endung übrig geblieben, nach meinen vielen Korrekturvorgängen. Aber der Fehlerteufel ist auch kreativ. Und ich bin keine Maschine. Und selbst einer Maschine würden noch Fehler unterlaufen. Und selbstverständlich sieht die erfreulicherweise stets steigende Zahl an Leseraugen mehr als meine zwei, mir viel zu viel verzeihenden, Schreiberaugen. Trotz des immer wiederkehrenden ersten Schocks darüber, dass ich noch nicht die Perfektion in Person bin, bin ich aber immer dankbar für solche Hinweise auf Fehler, denn die nächste Auflage kommt bestimmt und wann immer ich es für sinnvoll, zu mir passend und machbar halte, beherzige ich konstruktive Kritik.
Schreiben ist keinesfalls immer leicht. Man braucht Geduld, Genauigkeit, natürlich auch Zeit, ich brauche zirka drei Tage für eine Kurzgeschichte. Mit dem Einfallsreichtum allein ist es bei weitem nicht getan. Manchmal ist das Schreiben ganz schön knifflig. Aber Hindernisse sind dazu da, dass ich mein Können beweise, indem ich sie bewältige – nicht, damit ich scheitere.
Das Schreiben ist etwas, das so nur mir gehört. Ich weiß bei jedem Werk, niemand sonst könnte das so schreiben. Die Liebe zum Schreiben gibt meinem Dasein seinen Zauber, ich setze mich nicht nur mit der Sprache, sondern auch mit mir selbst und meinem Leben besser auseinander. Ich öffne die Augen für jeden Funken eines glücklichen Augenblicks, um diesen möglichst vollständig in meinem Fischernetz aus grauen Karos auf weißem Grund einzufangen. Andererseits hilft mir das Schreiben, über tragische Momente zu reflektieren und so mehr daraus zu lernen, aus Scheiße Bonbons zu machen – eine wertvolle Erfahrung und einen Text. Schreiben kann einen retten, dann sieht man nicht den Tod als letzten Ausweg an, sondern eine Reise in die Welt der Inspiration. Das Schreiben ist jemand, der mir einfach nur zuhört, richtig zuhört und solange ich will. Das Schreiben gibt meine Gedanken weiter, ans Papier oder an die Datei, sodass sie aus meinem Kopf verschwinden dürfen. Oder hält die schönsten Gedanken auf ewig fest. Beim Schreiben vergesse ich die Zeit, ich bin ganz ich selbst, ich bin gespannt, wie mein neuester Text fertig aussehen wird, ich bekomme Komplimente von mir selbst: „Hey, diese Stelle ist dir ja richtig gut gelungen!“, und fühle mich einfach gut und zuhause. Ich bin auch dann noch Schreiber, wenn ich gerade nichts schreibe. Jede Sekunde kann eine tolle Idee über mich hereinfallen und ich lasse die Tür immer mindestens einen Spalt weit offen - für die Liebe meines Lebens.