Feurige Verbindung - Leseprobe
Ich gab etwas von dem leckeren, nicht klebrigen, transparenten Gloss auf meine Lippen, rieb sie aufeinander. Ein weiterer kritischer und doch gut gelaunter Blick in den Spiegel folgte, dann
entfernte ich mit der Fingerkuppe den weißen Kayal, dort wo er eigentlich nicht hingehörte, sich aber nach drei Stunden breit gemacht hatte.
Nun war alles wieder perfekt.
Ich schminkte mich normalerweise nicht, schlief lieber länger oder schockte noch einen weiteren Kaffee rein, früh morgens.
Dementsprechend schön fand ich mein Gesicht heute Abend, auf das sich ein strahlendes Lächeln stahl.
Beim Kauf meines Outfits hatte ich an ihn gedacht, und daran, was ihm gefallen könnte.
Genauso beim Make-Up und beim Haarstyling. Bei allem.
Wie lange stand ich jetzt schon auf ihn?!
Es war verrückt. Verrückt, seine Wirkung auf mich.
Er hatte mir nur zugeprostet, mich angelächelt, und wenn ich daran dachte, grinste ich sofort wie eine Bekloppte. So wie jetzt.
Aber eigentlich sah sie ganz gut aus, diese freudige Miene.
Verrückt.
Bloß eine Geste von ihm und ich fühlte mich attraktiv, sexy, einfach großartig.
Gefährlich, diese überschwänglichen Gefühle für ihn. Aber großartig.
„Der Mann gehört verboten, der ist der pure Sex, sein Hintern... wie ein saftiger, runder, reifer Pfirsich,“ zupfte ich meine Ponyfransen zurecht, meine Frisur hatte bis jetzt sogar besser
gehalten, als erwartet.
„Ulraglide“ hieß das Zeug, das der Automat neben dem Waschbecken verkaufte.
Wer brauchte denn so was?! Außer Homosexuellen wohl niemand. Also mit Thomas würde man das sicher nicht brauchen.
Beschwingt huschte ich aus der Damentoilette und bastelte mir Wörterfolgen mit seinem Namen zusammen: „Thomas Specht, bist du gut zu Vögeln? Thomas Specht, was für Augen, Thomas Spe – Auf Zwölf
Uhr!!“
Als ich ihn lässig auf mich zukommen sah, legte mein Herz wie vom Blitz getroffen den Volle-Kraft-Schalter um.
Das war wieder einer der Momente, wo ich mir einbildete, zwischen mir und Thomas gäbe es ein unsichtbares Band, ein Gedanken-Band, oder irgendetwas in der Art.
Ich hätte mir lieber etwas überlegen sollen, was ich Schlaues zu ihm sagen konnte.
Na das interessierte Lächeln hatte ich jedenfalls schon mal automatisch aufgesetzt, wenigstens was.
„Hi,“ kratzte ich mich am Kinn.
Klasse. Ich hatte ihn heute schon duzend mal kurz gesehen, und jetzt, bei Begegnung Nummer 20 oder so, sagte ich „Hi.“
„Hallo.“
„Rauchst du seit neuestem?,“ nickte ich neckend in Richtung Eingangstür, die Thomas soeben passiert hatte. Auch eine tolle Anmache. Echt.
„Tse. Da oben gibts ja nur Sekt und Industriebier,“ beschwerte er sich, „Ich hatte noch Gescheites im Auto.“
So zeigte er mir seinen frisch aufgefüllten Bierkrug und ich guckte hinein.
Mir schwirrte eine Gegenüberstellung der Genussmittel-Resistenz von Lunge und Leber im Sprachzentrum herum, die ich mir jedoch verkniff.
„Willst du mal trinken?,“ drückte Thomas mir den Krug nun charmant in die Hände, welche prickelnd die seinen streiften, als ich mit einem „Oh, ja, danke!“ das Keramikgefäß entgegen nahm.
Ich zog einmal kräftig an, wollte seine Leidenschaft für Hopfen und Malz teilen.
„Gut,“ sah ich beurteilend in seine erwartungsvollen Augen, als ich ihm sein Getränk zurückgab, die erneute Berührung unserer Finger auskostend.
Meine Beine wurden weich, als ich noch auf irgendeine Biersorte tippte.
Er schmunzelte goldig über meine Ahnungslosigkeit und korrigierte mich ausschweifend.
Sehr fesselnd, wirklich, seine Stimme klang vertraut und trotzdem so aufregend.
Meine Pupillen hatten sich an seinen Lippen verfangen und beobachteten sie hungrig.
„Was trinkst du denn sonst so?,“ sollte ich nun wieder reden.
Erstmal legte ich den Kopf etwas schief und spielte mit der nächstbesten Haarsträhne, wie es mir der „Flirten - So wird gepunktet“ - Report einer Frauenzeitschrift gestern geraten hatte.
Dann erzählte ich von meinem Lieblings-Anis-Likör, den nur ein einziger Supermarkt im Sortiment hatte, und dass ich Bier nicht vertrug.
„Nach zwei Weizen bin ich dicht,“ gestand ich, „Billiger Rausch, was?“
Thomas lachte kurz und süß auf.
Er war so unglaublich hinreißend. Selbst aus nächster Nähe.
Seine ganze Erscheinung war fast unheimlich faszinierend. Seine sportliche Statur, seine Bewegungen, seine Mimik, seine selbstsichere, lockere Ausstrahlung...
Gott, hey, ich musste aussehen wie eine Katze, die um Dosenfutter bettelte!
Innerlich seufzend lehnte ich mich seitlich ans Fensterbrett und lächelte Thomas an.
In diesem Moment sah er mir ruckartig wieder in die Augen.
Nun grinste ich und er zog verschmitzt-ertappt einen Mundwinkel hoch.
Okay, mein Dekolleté war auch wirklich tief.
Ich nahm seinen Ausrutscher in die Berge als nettes Kompliment auf.
Bisher hatte es mich immer extrem genervt, dass ich nie wusste, woran ich bei Thomas war.
Ich hatte mir schon oft vorgestellt, mit ihm zu...
„Hast du Lust?,“ schaute er mich nun fragend an und ich blinzelte anrüchig: „Was?“
„Ob du Lust hast, noch wo anders hinzugehen?,“ wiederholte er, was in meiner Schwärmerei nicht ganz bei mir angekommen war.
„Ja,“ amüsierte ich mich über mich selbst, „Vor dem Klo ist es ja nicht so schön...“
Er sagte wieder irgendetwas und legte bei der Gelegenheit seine warme Hand auf meinen unbedeckten Unterarm.
Wie gut sich das anfühlte...
Ich ließ ihn gerne gewähren und musterte erneut seinen umwerfenden Körper.
Ich wollte mehr, ihn mehr spüren, spüren, dass er mich begehrte.
Wieder wünschten sich seine Augen eine Antwort auf seine letzten Sätze, zogen mir den Boden unter den Füßen weg, sodass ich in ihnen versank.
Ich wusste echt nicht, was ich sagen sollte, suchte meinen Mut zusammen und kam noch näher an Thomas heran. Er neigte seinen Kopf zur Seite, halb fragend, halb einladend.
Ich griff zaghaft nach seinem Nacken und er drückte mich sachte an sich, unsere Lippen fanden sich und gaben sich mehrere, kleine Küsse, die immer länger dauerten. Gleichzeitig öffneten wir
unsere Münder dann etwas füreinander und auch unsere Zungenspitzen trafen aufeinander.
Erst vorsichtig, führten sie sich gegenseitig in Versuchung, dann beglückten sie sich pikant und mit vollem Einsatz.
Thomas schmeckte wie das personifizierte Himmelreich und duftete auch sehr lecker, obendrauf kitzelte mich sein Bart anstachelnd.
Man hörte High Heels die Treppe zu den Toiletten herunter stöckeln und wir lösten uns widerwillig wieder voneinander.
Eigentlich ein Wunder, dass wir so lange vor dieser viel besuchten Einrichtung, noch dazu direkt neben dem Haupteingang, alleine gewesen waren.
Der weibliche Partygast stolzierte eingebildet an uns vorbei und schloss die WC-Türe hinter sich.
„Wollten wir nicht die Location wechseln?,“ himmelte ich Thomas an.
Man, kaum zu glauben, dass wir uns gerade geküsst hatten, irgendwie unwirklich.
Andererseits stand ich immer noch total in Flammen davon.
„Stimmt,“ dirigierte er mich einfach mal in Richtung Ausgang, ins hochsommerliche Dämmergrau hinaus, „Übrigens, du riechst gut.“
„Dann war das 10€-Grapefruit-Parfüm wohl ein echtes Schnäppchen,“ freute ich mich.
Wir spazierten über den Parkplatz und anschließend an einem Weiher entlang.
„Hm, wohin laufen wir eigentlich?,“ nahm Thomas zärtlich und doch bestimmt meine Hand.
„Äh, naja, ich gehe dorthin, wo du hingehst...“
Er lachte nun wieder und meinte, er wäre auch einfach mir gefolgt.
„Ich wusste immer, wir würden perfekt harmonieren. Da hinten ist eine Bank,“ deutete ich auf eine recht abgelegene Ecke, die wir daraufhin ansteuerten.
Wir hatten uns noch nicht richtig gesetzt, hatten sich unsere Münder wieder gegenseitig überfallen.
Ich rutschte auf Thomas' Schoß, während wir immer frenetischer vorgingen.
Flammen züngelten in meiner Brust und das Feuer knisterte gewaltig.
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